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Kabul, Doha, Washington-Ein vermeintliches Meisterwerk

 

Wie bequem sich die USA die Zukunft Afghanistans in Katar mit den Taliban ausmalt. 

 

von Ramona Wakil 

Was sich momentan in Afghanistan, besser gesagt ausserhalb Afghanistans abspielte, um die zukünftige Politik des Landes zu bestimmen, war nicht nur sehr bizarr, sondern schien auch sehr surreal. Der US-Gesandte für Afghanistan Zalmay Khalilzad hat sich im Januar 2019 in Katar mit den Taliban getroffen, um sie höflich darum zu bitten, an Friedensgesprächen teilzunehmen. Es scheint nun zu Lösungen gekommen zu sein, ohne jedoch die afghanische Regierung in die Gespräche miteinzubeziehen. 

 

Die NZZ beschreibt die Lage wie folgt: [1]

 


«Es gibt einen Entwurf für ein Rahmenabkommen mit den Taliban: Das hat Zalmay Khalilzad bestätigt, der amerikanische Sondergesandte für Afghanistan. Er signalisierte, dass Washington bereit ist, den Krieg am Hindukusch zu beenden und die amerikanischen Truppen abzuziehen. Dafür sollen die Taliban garantieren, dass sich «nie wieder» Terroristen in Afghanistan einnisten. Über die genauen Modalitäten der Machtübergabe soll noch weiterverhandelt werden, unter Einbezug der afghanischen Regierung. Diese war bisher an den Verhandlungen nicht direkt beteiligt; sie dürfte sich verraten vorkommen.»


 

Die NZZ sollte dieses Meisterwerk an Ironie und Verhöhnung rationaler betrachten. Diese gefährliche Lage, welche sich in Doha abspielte, wird von den Mainstreammedien verharmlost und verantwortungslos beschrieben. Die Taliban, die eine mehr als bekannte terroristische Gruppe verkörpern, solle nie wieder Terroristen in Afghanistan einnisten, so lautet die Forderung. Kann man da tatsächlich von einer guten Eigenschaft der Taliban sprechen? Die NZZ erkennt diesen Widerspruch in sich nicht. Die Mainstreammedien hinterfragen nicht. Sie nehmen die Situation so an, wie sie zu scheinen mag.  

 

Und da gibt es noch die afghanische Regierung, die sich laut der NZZ wohl verraten vorkommt. Der afghanische Präsident Ashraf Ghani hat man selten so aufgebracht erlebt, wie am 28. Januar als er sich an sein Volk wandte und die Taliban aufforderte, direkte Gespräche mit der Regierung zu halten. 

 

Das Meisterwerk in seiner Rede war jedoch eine wichtige Erkenntnis, die vielen Menschen im Westen unbekannt ist. Die verhängnisvolle Manipulation der Vereinten Nationen im Jahre 1992, die den damaligen afghanischen Präsidenten Mohammed Najibullah hinters Licht führte, indem ihm versprochen wurde, man würde ihn nach der Abtretung in Sicherheit bringen und ihn wieder in die Politik einbringen.

 

Als Präsident Najibullah folglich abtrat und schliesslich im UN-Hauptquartier in Kabul landete, um Unterschlupf zu finden, liess man ihn dort bis im September 1996 hilflos zurück, bis in die Taliban folterten, ermordeten und seinen Leichnam vor dem Präsidentenpalast aufhängten. 

 

Präsident Ashraf Ghani erwähnte diesen verräterischen Akt der Vereinten Nation in seiner Rede und versicherte der Weltgemeinschaft und seinem Volk, nicht nochmals Opfer eines folgenschweren Plans seitens der externen Akteure zu werden. 

 

Das vermeintliche Meisterwerk, welches nun vom US-Gesandten Khalilzad  der Weltgemeinschaft präsentiert wird, ist in Wahrheit ein gefährlicher Plan. Wie können die USA in Katar mit den Taliban über die Machtübergabe und Machtverteilung verhandeln, wenn in Kabul die legitime Regierung keine Informationen über die Verhandlungen erhält?

 

Präsident Ashraf Ghani, der zur Wiederwahl im Sommer antreten wird, hat zu Recht bestürzt und gleichwohl entschlossen reagiert. Er war dermassen besorgt, dass er laut der New York Times mit Berufung von drei Beamten, Präsident Trump in einem Brief darum bat, die US-Truppen nicht sofort abzuziehen. [2] Solch eine Aussage, kommt nicht überraschend, da er nach den Gesprächen in Doha bezüglich einer neuen Machtverteilung viel zu befürchten hat. 

 

Was uns die USA und die Mainstreammedien verkaufen wollen, ist somit mehr als fragwürdig. Verhandlungen mit den Taliban sind erwünscht, den sie haben nun mal Macht und Kontrolle über Afghanistan, doch sie sollten zunächst mit der afghanischen Regierung verhandeln, bevor ihnen irgendwelche lukrativen Versprechungen in Doha gemacht werden. Das folgende persische Zitat beschreibt die Beziehung der Taliban mit den USA perfekt.

 


«Ein alter Freund ist wie ein gesatteltes Pferd.»


 

Ich möchte darauf hinweisen, dass Frieden in zweierlei Fällen erfolgt; Entweder kommt es zur Niederlage der einen Seite, wodurch die andere Seite als Sieger hervorgeht. Oder es kommt zu einem «Standoff» zwischen den sich Bekriegenden. Dieses eher untypische Beispiel lässt sich in Afghanistan nach 40 Jahren Krieg mit Gefallenen, vermeintlichen Gewinnern und der Einmischung vieler Staaten beobachten. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem weder die USA zusammen mit der NATO und den afghanischen Sicherheitskräften die Taliban besiegen können, noch können die Taliban die USA besiegen. Standoff beschreibt diese aussichtslose Situation.

 

Die Taliban und die Amerikaner erfüllen das Zitat nun vollumfänglich. 1994 wurden die Taliban von den Amerikanern mit der Hilfe von Pakistan und Saudi-Arabien geschaffen und unterstützt. 1996 wurden dann die Mujaheddin von den Taliban besiegt und ergriffen die Macht bis im Jahr 2001. Bis dahin gediehen somit unzählige Al-Qaida Gruppierungen in Afghanistan. 

 

Dem alten Freund werden nun in Katar wieder Versprechungen gemacht. Ein alter Freund ist nun eben wie ein gesatteltes Pferd. Anders geht es nicht, denn aus dem 18-jährigen Kräftemessen lässt sich kein Sieger küren und das hat Präsident Trump realisiert. Die Amerikaner müssen ihr Gesicht wahren und aus der 17-jährigen NATO-Intervention eine brauchbare Schlussbilanz zusammenbasteln. 

 

Afghanistans Geschichte wurde stets von den geopolitischen und machtorientierten Interessen vieler verschiedener Staaten eingeholt und dominiert. Dieses eine Mal sollte das nicht passieren. Die USA hätten sich damals besser überlegen sollen, wen sie unterstützen. Die Taliban hätten solch eine Macht nämlich ohne US-Unterstützung nie erlangt. 

 

Zudem ordnen die Mainstreammedien die aktuelle Lage völlig falsch ein und verkaufen uns diese absurde Geschichte aus Doha, als Friedensmärchen. Es ist wirklich beunruhigend, ein solches Szenario mitanzusehen. Einmal mehr kann man beobachten, wie gut sich die USA mit alten Freunden verstehen und was alles dafür in Kauf genommen wird. Im Grunde genommen, spielte sich in Katar  ein trauriges Meisterwerk ab. 

 

 

 


Quellen:

 

[1] Andres Wysling, Das Eingeständnis einer Niederlage in Afghanistan, https://www.nzz.ch/meinung/das-eingestaendnis-einer-niederlage-in-afghanistan-ld.1455553, [Zuletzt besucht am 03.02.2019]

 

 

[2] Mujib Mashal, To Slow U.S. Exit, Afghanistan Leader Offers Trump a Cost Reduction, in: https://www.nytimes.com/2019/01/30/world/asia/afghan-ghani-trump-letter.html?rref=collection%2Ftimestopic%2FAfghanistan, [Zuletzt besucht am 03.02.2019]

 


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